Flucht und Migration Thema auf der Messe Fair Handeln

Die internationale Messe FAIR HANDELN geht dieses Jahr in die 8. Runde. Vom 31. März bis zum 4. April steht auf dem Stuttgarter Messegelände alles im Zeichen des Fairen Handels. Der diesjährige Themenschwerpunkt lautet „Flucht und Migration“ – Was bedeutet das genau, was erwartet die Besucher und was haben Flucht und Migration mit Fairem Handel zu tun?

Wir haben Philipp Keil, Geschäftsführenden Vorstand der Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg (SEZ), die von Beginn an fachliche wie ideelle Ansprechpartnerin der Messe ist, interviewt:

Herr Keil, wie hat sich Ihrer Ansicht nach das Thema Fairer Handel seit der ersten Messe verändert?

Seit die SEZ im Jahr 2005 die damals erste bundesweite Messe FAIR HANDELN im Stuttgarter Haus der Wirtschaft veranstaltet hat, ist das Bewusstsein der Verbraucherinnen und Verbraucher für den Fairen Handel und seine Produkte enorm angestiegen. Damals hatten wir 22 Importeure des Fairen Handels als Aussteller, bei der Premiere der FAIR HANDELN im Jahr 2009 gemeinsam mit der Landesmesse Stuttgart konnten wir 77 Aussteller gewinnen, heute haben wir über 150.

Die Themen Fairness, globale Verantwortung und nachhaltiges Handeln sind in der Gesellschaft angekommen. Verbraucherinnen und Verbraucher wollen heute mehr wissen über Arbeitsbedingungen, über Zusatzstoffe, über Produktion und Anbau und über das soziale Gewissen von Unternehmen. Und das ist gut so.

Das gesamte Produktportfolio im Fairen Handel ist um ein Vieles größer geworden und hat enorm an Qualität gewonnen. Es gibt heute tolle Produkte von höchster Qualität sowohl im Food-Bereich als auch bei Textilien, Schmuck oder Accessoires.

Unter Mitwirkung vieler verschiedener Akteure, bundes- und landesweit, ist es in den vergangenen Jahren zudem gelungen, die Weltläden stark zu professionalisieren und sie konkurrenzfähig zu den Fachgeschäften im Einzelhandel zu machen. Einige von ihnen präsentieren sich auch auf der Messe.

Und, das Bewusstsein für nachhaltiges und global verantwortungsvolles Handeln zieht sich mehr und mehr auch durch andere Alltags- und Wirtschaftsbereiche. Wir haben beispielsweise auch tolle Angebote in den Bereichen Nachhaltiger Tourismus und Nachhaltiges Finanzwesen.

Philipp Keil, Geschäftsführender Vorstand der Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg, über Flucht, Migration und Fairen Handel

Philipp Keil, Geschäftsführender Vorstand der Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg, über Flucht, Migration und Fairen Handel

Dieses Jahr dreht sich das Rahmenprogramm auf der Fair Handeln um das Thema “Flucht und Migration“. Wie passt das zum Thema fairer Handel?

Die Flüchtlingskrise führt uns sehr deutlich vor Augen, wie wichtig es ist, Menschen überall auf der Welt ein Leben in Würde zu ermöglichen. Der überwiegende Teil dieser Menschen hätte sich nicht auf den Weg gemacht, wenn er zu Hause vor Ort Lebensperspektiven gehabt hätte. Wir wissen außerdem, dass uns die Frage der Fluchtursachen und deren Bekämpfung noch länger beschäftigen wird.

Der Faire Handel, der Kernbereich der Messe, trägt mit Mindestpreisen, langfristigen Abnahmeverträgen, Direkteinkauf und Sozialstandards konkret zur Verbesserung der Produzentinnen und Produzenten in den Ländern des Südens bei. Es geht beim Fairen Handel auch um ein Leben in Würde, um Ernährungssicherung, die Chance auf Bildung und um Gerechtigkeit im Welthandel. Gerechte, stabile Löhne und Zusatzleistungen für soziale Projekte geben den Menschen in den Ländern des Südens eine echte Perspektive. Verbunden mit der Bildungsarbeit zu globalen Themen hier bei uns, ist der Faire Handel rundum eine gute Alternative zu unserem Weltwirtschaftssystem, das starke Ungleichheiten und Ungerechtigkeit mit sich bringt.

Der Faire Handel bietet jedem Einzelnen die Möglichkeit etwas zu tun. Die Verbraucherinnen und Verbraucher können durch ihre Einkaufsentscheidungen unmittelbar Einfluss auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen im Globalen Süden nehmen.
Was genau können sich die Besucher darunter vorstellen?

Am Samstag, 2. April greifen wir das Thema Flucht und Migration beispielsweise beim Puppentheater „Geschichten vom Fliehen und Ankommen“ oder der Veranstaltung „Flucht und Migration – Perspektiven aus dem Süden“ mit Prof. Dr. Andreas Mehler, Direktor Arnold Bergstraesser Institut für kulturwissenschaftliche Forschung (ABI) sowie Ulli Neuhoff, Leiter des ARD-Studios Johannesburg/Südafrika des Südwestrundfunks auf.

An allen Messetagen informiert der missio-Truck „Menschen auf der Flucht“ zum Thema. Am Beispiel von Bürgerkriegsflüchtlingen im Ostkongo werden Sie als Besucherin oder Besucher durch die multimediale Ausstellung im missio-Truck für die Ausnahmesituation Flucht sensibilisiert. Acht beispielhafte Biographien stehen exemplarisch für das Schicksal von Flüchtlingen. Sie erleben als Gast der Ausstellung die Fluchtgeschichte, erfahren etwas über die Lebensleistung von Flüchtlingen, auch in widrigen Lebensumständen Würde zu bewahren, zu lernen und die eigene Entwicklung in die Hand zu nehmen.

Ich möchte an dieser Stelle noch darauf hinweisen, dass Migrantinnen und Migranten wichtige Akteure in der Entwicklungszusammenarbeit sind. Zum einen für die entwicklungspolitische Bildungsarbeit, zum anderen aber auch ganz konkret für die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Blick auf die Projektarbeit. Beispielsweise hat die SEZ im vergangenen Jahr auf der FAIR HANDELN einer Fachveranstaltung für Kommunen mit dem Titel „Flucht und Migration – gegenseitiger Gewinn in der kommunalen Entwicklungszusammenarbeit“ organisiert. Auf dem Podium saß damals auch ein Flüchtling aus dem Irak.

Impressionen der FAIR HANDELN Bild: Messe Stuttgart

Impressionen der FAIR HANDELN
Bild: Messe Stuttgart

Die SEZ hat über verschiedene Flüchtlingsorganisationen im Umkreis von Stuttgart auch explizit Flüchtlinge eingeladen. Wie kam es zu dieser Idee und was ist die Intention dahinter?

Die FAIR HANDELN ist eine internationale Fach- und Verbrauchermesse, die sich zum Ziel gesetzt hat, ein Schaufenster für fair gehandelte Waren, aber auch eine Plattform für global verantwortungsvolles Handeln zu sein. Als SEZ setzen wir uns nicht nur dafür ein, für die Eine Welt zu sensibilisieren, sondern sie auch zu leben. Da lag es nahe, die direkt Betroffenen und vor allem auch die vielen ehrenamtlichen Betreuerinnen und Betreuer einzuladen. Wir danken hier besonders unserem Partner, der Landesmesse Stuttgart, die dies erst möglich gemacht hat. Die FAIR HANDELN ist auch Plattform für Begegnung, für Initiativen und für Austausch. Die Begegnung mit Flüchtlingen führt uns deutlich vor Augen, warum die Hilfe vor Ort so wichtig ist.
Fairfashion, Fairphones und Co. – ist das Thema Fairtrade nur ein aktueller kurzweiliger Trend oder sehen Sie darin ein langfristiges Umdenken bei den Konsumenten?

Ich meine, es ist kein Trend, sondern verbunden mit einem Umdenken in unserer Gesellschaft. Eine Milliarde Euro gaben die Konsumenten in Deutschland im Jahr 2014 für fair gehandelte Waren aus laut Angaben des Forums Fairer Handel. Das entspricht einem Jahreswachstum von 31 Prozent! Das ist ein tolles Wachstum. Die aktuellen Zahlen aus 2015 liegen noch nicht vor. Die Entwicklung gerade beim Kaffee hat beispielsweise gezeigt, wie aus der Nische Fairer Handel auch ein gesamtgesellschaftlicher Aspekt wird. Trotzdem, von 100 konsumierten Tassen Kaffee sind nur drei fair gehandelt. Hier ist noch viel Luft nach oben. Dafür brauchen wir mehr Verbrauchersensibilisierung, mehr Netzwerkarbeit und damit auch die FAIR HANDELN als Verkaufsplattform und zugleich als Schaufenster für die qualitativ hochwertigen fair gehandelten Produkte mit dem besonderen Mehrwert der Fairness und Sozialverantwortung.

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: welche Rolle spielt Fairer Handel in Ihrem Alltag?

Generell versuche ich zunächst regional und saisonal zu konsumieren. Ich gehe darüber hinaus gerne im Weltladen einkaufen. Produkte wie Tee, Bananen oder Schokolade kaufe ich nur fair gehandelt. Generell bin ich ein kritischer Konsument, frage beispielsweise beim Kauf von Textilien nach Siegeln oder Zertifizierungen und sage lieber auch einmal nein, wenn ich nicht überzeugt bin.

Der Faire Handel hat für mich nicht nur mit Konsum, sondern auch mit Werten zu tun, beispielsweise mit gegenseitigem Respekt.

Wir bedanken uns für das Interview!


Das Interview führte Julia Heile für den Arbeitskreis Asyl Metzingen.

Hintergrund:

Die FAIR HANDELN hat wie folgt geöffnet:

Donnerstag
Freitag – Sonntag
14:00 – 22:00 Uhr
10:00 – 18:00 Uhr

Mehr Informationen gibt es auf der Homepage der FAIR HANDELN sowie der SEZ.

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